Hypnose statt Opioide? Eine neue Pilotstudie zur Schmerztherapie nach Schulter-OP

Nov. 27, 2025 | Aus Forschung und Wissenschaft

In der modernen Orthopädie stehen wir vor einer paradoxen Herausforderung: Während chirurgische Techniken für den Gelenkersatz immer präziser werden, bleibt das Management postoperativer Schmerzen komplex. Eine unzureichende Schmerzkontrolle führt nicht nur zu längerem Leiden der Patienten, sondern erhöht auch signifikant das Risiko für chronische Schmerzzustände und eine langfristige Opioidabhängigkeit.

Eine aktuelle Pilotstudie (PMID: 40982709), die kürzlich im Kontext der Schulterendoprothetik durchgeführt wurde, liefert nun vielversprechende Daten zu einem ergänzenden Ansatz: der therapeutischen Hypnose (TH).

Die Fragestellung: Kann Mentaltraining den Medikamentenverbrauch senken?

Die Forscher untersuchten die Machbarkeit und Wirksamkeit einer Hypnose-Intervention im Vergleich zur Standardbehandlung (Standard Care, SC). Das Ziel war es, herauszufinden, ob eine einfache, audiobasierte Hypnoseanwendung die Schmerzintensität und den Bedarf an Opioiden in der kritischen frühen postoperativen Phase senken kann.

Das Studiendesign

  • Teilnehmer: 64 Patienten, die sich einem Schultergelenkersatz unterzogen.
  • Intervention: Die Hypnose-Gruppe erhielt eine Audio-Aufnahme, die sie bereits 7 Tage vor der Operationregelmäßig anhörten.
  • Kontrollgruppe: Erhielt die medizinische Standardversorgung ohne zusätzliche mentale Intervention.
  • Primäre Endpunkte: Machbarkeit (Adhärenz und Zufriedenheit) sowie Schmerzintensität und Opioidverbrauch (Morphinäquivalente).

Die Ergebnisse: Überraschende Effektivität

Die Ergebnisse der Pilotstudie sind in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert:

  1. Hohe Akzeptanz: 97 % der Patienten hielten sich an das Protokoll und nutzten die Aufnahmen vor der Operation. 90 % gaben an, mit der Intervention zufrieden zu sein. Dies widerlegt das Vorurteil, Hypnose sei eine „Nischentherapie“ mit geringer Patientenakzeptanz.
  2. Signifikante Schmerzreduktion: Die Hypnose-Gruppe berichtete sowohl prä- als auch postoperativ über eine geringere Schmerzintensität. Besonders am 10. Tag nach der Operation zeigten sich deutliche Unterschiede (mittlere Effektstärke) zugunsten der Hypnose.
  3. Halbierter Opioidverbrauch: Das vielleicht wichtigste Ergebnis für den klinischen Alltag: In den ersten drei Tagen nach dem Eingriff benötigten die Patienten der Hypnose-Gruppe nur halb so viele Opioide wie die Kontrollgruppe.

Was bedeutet das für die klinische Praxis?

Diese Pilotstudie zeigt, dass therapeutische Hypnose weit mehr ist als eine „Wellness-Ergänzung“. Die Ergebnisse legen nahe, dass die präoperative Konditionierung des Nervensystems durch auditive Hypnose-Interventionen die Schmerzverarbeitung signifikant beeinflussen kann.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Kosteneffizienz: Audio-Interventionen sind nach der Erstellung fast kostenlos skalierbar.
  • Sicherheit: Im Gegensatz zu medikamentösen Adjuvanzien gibt es keine pharmakologischen Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen.
  • Patienten-Empowerment: Der Patient nimmt eine aktive Rolle in seiner Schmerzbewältigung ein, anstatt passiv auf Medikation zu warten.

Fazit

Obwohl es sich um eine Pilotstudie mit begrenzter Teilnehmerzahl handelt, ist das Signal klar: Die Einbeziehung psychologischer und neurophysiologischer Mechanismen via Hypnose kann den postoperativen Verlauf nach schweren orthopädischen Eingriffen massiv verbessern. Die Autoren fordern zu Recht groß angelegte klinische Studien (RCTs), um diesen Ansatz als festen Bestandteil in multimodale Schmerzkonzepte zu integrieren.

Für Kliniker und Schmerztherapeuten bietet dieses Modell eine spannende Möglichkeit, die „Opioid-Krise“ aktiv zu bekämpfen, ohne die Lebensqualität der Patienten durch Schmerzen zu gefährden.


Quelle: Effects of Hypnosis Therapy on Pain and Opioid Use Following Shoulder Replacement Surgery: A Pilot Feasibility Study. (PubMed ID: 40982709)

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