Der Blick ins hypnotisierte Gehirn: Wie die moderne Hirnforschung Trance-Zustände sichtbar macht

Ein Hauch von Mystik begleitete die Hypnose lange im öffentlichen Bewusstsein. Doch die moderne Neurowissenschaft hat diese Perspektive längst durch solide Evidenz ersetzt. Mithilfe funktionaler Magnetresonanztomografie (fMRI) lässt sich heute präzise nachweisen: Hypnose ist weder Einbildung noch Schlaf, sondern ein messbarer, neurobiologisch eigenständiger Zustand des Gehirns.

Eine wegweisende fMRI-Studie unter der Leitung von Nuno M. P. de Matos und Mike Brügger (Universität Zürich / Psychiatrische Universitätsklinik Zürich) liefert dazu faszinierende Einblicke in die funktionelle Konnektivität – also das Zusammenspiel verschiedener Hirnareale – während neutraler Hypnose.

Die Studie im Überblick: Was wurde untersucht?

In der Untersuchung absolvierten 50 hypnotisch erfahrene Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine hochgradig standardisierte Versuchsreihe im MRT-Scanner. Mittels strukturierter sprachlicher Induktionen (basierend auf der Dave-Elman-Methode) wurden zwei unterschiedliche Hypnose-Tiefenstufen erzeugt und mit entsprechenden Kontrollzuständen verglichen.

Das Besondere an dem Studiendesign: Die Forscher nutzten mit der sogenannten Multi-Voxel Pattern Analysis (MVPA) eine rein datengestützte Analyse des gesamten Gehirns, um völlig unvoreingenommen zu kartografieren, wo und wie sich die neuronale Vernetzung verändert.

Die zentralen Ergebnisse: Was passiert im Gehirn unter Hypnose?

1. Neuronale Knotenpunkte verändern ihre Vernetzung

Die globale Netzwerkanalyse identifizierte spezifische Knotenpunkte (Hubs) im Gehirn, deren funktionelle Kopplung unter Hypnose signifikant umstrukturiert wird:

  • Parieto-okzipital-temporale Regionen sowie Cuneus / Precuneus: Diese Areale spielen eine Schlüsselrolle bei der räumlichen Orientierung, der visuell-räumlichen Verarbeitung und dem Bewusstsein für das eigene Ich.
  • Gyrus lingualis und okzipitaler Pol: Areale, die intensiv an der visuellen Vorstellungskraft und der Verarbeitung innerer Bilder beteiligt sind.

2. Tiefenabhängige Effekte der Trance

Beim direkten Vergleich der beiden Hypnose-Zustände zeigten sich veränderte Verbindungsmuster in Abhängigkeit von der Trancentiefe. Insbesondere im Bereich des Planum temporale, des Cuneus und des supramarginalen Gyrus stellten die Forscher fest, dass eine tiefere Hypnose mit gezielten Zu- und Abnahmen der funktionellen Vernetzung einhergeht. Dies erklärt wissenschaftlich, warum tiefere Trancezustände oft mit veränderter Zeit- und Raumwahrnehmung sowie einer verstärkten inneren Absorption einhergehen.

3. Vegetative Begleitreaktionen

Neben den neurobiologischen Bildgebungsdaten spiegelte sich der Trancezustand auch physiologisch wider: Während der Hypnose sank die Atemfrequenz der Probanden signifikant im Vergleich zu den wachen Kontrollzuständen – ein klarer Beleg für die Einleitung der parasympathischen Dämpfung.

Fazit für die Praxis: Rückenwind für die klinische Hypnose

Für Ärztinnen, Ärzte und PsychotherapeutInnen unterstreichen diese Befunde eine wesentliche Botschaft:

  • Spezifischer Zustand: Trance ist eine messbare Reorganisation der neuronalen Kommunikation im Gehirn.
  • Neuronale Basis für Therapiewirkung: Die Dämpfung und Umstrukturierung interner Netzwerke zeigt, warum Patienten unter Hypnose besonders empfänglich für die Umstrukturierung festgefahrener Denkmuster, Ängste oder Schmerzwahrnehmungen sind.

Originalstudie / Quelle:

Dieser Beitrag dient der Information über aktuelle wissenschaftliche Publikationen und ersetzt keine medizinische Beratung.