Hypno-Kardiale Physiologie: Ein neuer Horizont in der kardiovaskulären Forschung?

Okt. 26, 2025 | Aus Forschung und Wissenschaft

Die Medizin hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte in der interventionellen Kardiologie und Pharmakotherapie gemacht. Doch während wir die Biomechanik und Biochemie des Herzens immer besser verstehen, bleibt die Verbindung zwischen Geist und Herz – die psychosomatische Komponente der Herzgesundheit – oft unterrepräsentiert.

Eine aktuelle Veröffentlichung im Journal of Integrative Medicine (Leo et al., 2025) schlägt nun einen mutigen neuen Weg vor: Die Etablierung der „Hypno-kardialen Physiologie“ als eigenständiges Forschungsfeld.

Hypnose: Mehr als nur Entspannung

Obwohl Hypnose in der Schmerztherapie und Angstbewältigung bereits erfolgreich eingesetzt wird, existieren in der medizinischen Fachwelt oft noch Vorurteile oder Unklarheiten über ihre physiologische Wirksamkeit. Die Autoren der Studie betonen, dass Hypnose weit über eine bloße Entspannungsreaktion hinausgeht. Es handelt sich um einen spezifischen Zustand fokussierter Aufmerksamkeit, der direkte Auswirkungen auf das autonome Nervensystem (ANS) hat.

Die physiologischen Mechanismen

Die vorläufige Evidenz deutet darauf hin, dass Hypnose das kardiovaskuläre System über zwei Hauptwege beeinflusst:

  1. Direkte Modulation des ANS: Studien zeigen, dass Hypnose die parasympathische Aktivität (Vagustonus) erhöhen und gleichzeitig die sympathische Aktivität reduzieren kann. Dies führt potenziell zu einer Senkung der Herzfrequenz und des Blutdrucks sowie zu einer Verbesserung der Herzfrequenzvariabilität (HRV) – einem wichtigen Marker für kardiovaskuläre Resilienz.
  2. Indirekte Verhaltensänderung: Durch die gezielte Arbeit mit Suggestionen kann Hypnose gesundheitsfördernde Verhaltensweisen unterstützen (z. B. Raucherentwöhnung, Stressmanagement, Adhärenz bei der Medikation), die langfristig die Herzgesundheit verbessern.

Warum brauchen wir die „Hypno-kardiale Physiologie“?

Bisher ist die Literatur zu diesem Thema spärlich und oft fragmentiert. Die Autoren Leo, Keller und Proietti plädieren daher für die Einführung des Begriffs „Hypno-kardiale Physiologie“. Ziel ist es:

  • Interdisziplinäre Synergien zwischen den Neurowissenschaften und der Kardiologie zu schaffen.
  • Strukturierte Forschung zu fördern, um die zugrunde liegenden Mechanismen präzise zu definieren.
  • Akzeptanz im klinischen Alltag zu erhöhen, indem fundierte Evidenz an die Stelle von Mythen tritt.

Fazit für die Praxis

Für Mediziner und Therapeuten bietet dieser Vorstoß die Chance, das therapeutische Repertoire zu erweitern. Sollten künftige Studien die Wirksamkeit der hypno-kardialen Interventionen bestätigen, könnte dies den Weg für komplementäre Ansätze in der Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ebnen.

Es ist an der Zeit, die Kommunikation zwischen Gehirn und Herz nicht nur als psychologisches Phänomen, sondern als messbare, physiologische Realität zu begreifen.


Referenz: Leo DG, Keller SS, Proietti R. Hypno-cardiac physiology: Aiming for an organised study of the physiological effects of hypnosis on the cardiovascular system. J Integr Med. 2025 Sep;23(5):457-461. doi: 10.1016/j.joim.2025.07.004.


Dieser Beitrag dient der Information über aktuelle wissenschaftliche Publikationen und ersetzt keine medizinische Beratung.

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